San Vicente de la Barquera Dieses Bild entstand im Sommer 2014 im nordspanischen Kantabrien.
Schlaf- und Arbeitsplatz All in one: Schlafen, arbeiten und weiterreisen. Eine recht kompakte Ausleihe!
Kantabrien Stop and Go: Wenn an einer Küste die Welle nicht läuft, geht es direkt weiter zum nächsten Spot.
Nordspanien Surf-Work-Balance verbirgt viel Flexibilität. Hier war Julian die nordspanische Küste entlang gereist.
Brasilien Anfang 2015 hat Julian von Brasilien aus gearbeitet.
Portugal Blau in blau: wenn der Ausblick schon ausreicht um Arbeit und Entspannung auf einer Waagerechten zu halten.
Sal Schmackhafte Wellenbedingung auf der Insel Sal, die zu den Kapverdischen Inseln gehört.
Kapverden Von Marokko ging's für Julian auf die Kapverden. Wellen gab es zur Belohnung obendrauf.
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On the Road, Surfing

Surf-Work-Balance

Die tägliche Dosis Salzwasser - landlocked Surfer geben für sie fast alles. Der Vormarsch von mobilen Arbeitsmodellen kommt ihnen da gerade recht.

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Bevor ich zum Aber komme, möchte ich behaupten, dass das Surfen einer der wundervollsten Sportarten ist, die der Mensch jemals erfunden hat. Wellenreiten ist für mich einfach die perfekte Verbindung von Naturerlebnis, Abenteuer und nachhaltigem Reisen. Mit ein paar Freunden in der Abendsonne auf dem Surfboard sitzen und auf das nächste Wellenset warten - es gibt nichts Schöneres.

Aber was kommt danach? Was folgt auf die süßen Stunden an der sommerlichen Algarve und wer lauert schon bald nach der Surfsession in Galizien? Genau, der Alltag! Findet er statt im Inneren des Festlandes, sorgt er bei Surfern schnell für Frust. Denn viele der im Binnenland gefangenen Surfer beklagen sich über zu wenig Zeit in der Welle, stagnierende Surfskills und über eine wachsende Staubschicht auf ihrem liebsten Sportgerät. Kontakt mit Salzwasser haben sie kaum und von einer halbwegs intakten Surf-Work-Balance kann keine Rede sein. Wie auch, wenn der Arbeitsort, die Uni oder der Ausbildungsplatz tausende Kilometer vom Meer entfernt sind?

 

Ein innerer Kampf

Weil konventionelle Erwerbsmodelle aber fast immer mit einem festen Arbeitsort verknüpft sind, stehen die landlocked Surfer oft im Konflikt zwischen einer klassischen Karriere in der Heimat und ihrer Leidenschaft fürs Surfen. Daher stecken sie jeden Urlaubstag und hart erarbeiteten Euro in den nächsten Surftrip, ertragen 15 Stundenflüge, übernachten in versifften Surfhostels und quetschen sich in überfüllte Reisebusse. Das Gefühl nach einer ausgedehnten Surfsession ist schließlich tausendfach mehr wert als ein neues Auto oder das beste Luxushotel der Welt.
Doch wer nur ein paar Wochen im Jahr mit seinem Surfboard auf Reisen geht, kennt das Gefühl: Schon nach der ersten Session streikt der Körper und am nächsten Morgen bremst ein fieser Muskelkater die hochgesteckten Ziele. Anstatt an Cutback und Floater zu feilen, schmilzt die Boardtime auf wenige Minuten und erst am Ende des Urlaubs fängt der Körper an, sich an frühere Bewegungsmuster zu erinnern.
Wer darauf keine Lust mehr hat, sucht sich einen Job am Meer oder nimmt die Arbeit einfach mit und verlagert sein Büro direkt an den Surfspot. Denn die gute Nachricht lautet: Mobile Jobs, die nur einen Laptop und eine Internetverbindung brauchen, gibt es heutzutage fast schon wie Sand am Meer.

 

Surf Office im Bus

  

Freiberufler sind klar im Vorteil

Wer sich auf ein solches Experiment einlassen möchte, aber keinerlei Erfahrungen mit internetbasierten Jobs vorweisen kann, muss nicht verzweifeln. Denn viele Skills, die sich im Selbststudium erlernen lassen, sind wie gemacht zum mobilen Freelancen: Online-Nachhilfe, Übersetzungen, Texten und Copywriting, Suchmaschinenoptimierung (SEO), Online-PR, Videoproduktionen (filmen und schneiden) und Fotografie ist nur eine kleine Auswahl an Dienstleitungen, mit der sich innerhalb weniger Monate eine vollkommen ortsunabhängige Einkommensquelle erschließen lässt.
Aber auch herkömmliche Jobs lassen sich von unterwegs aus erledigen, sofern das Arbeitsgerät der Laptop ist. Grundsätzlich eignet sich jede Art von Wissensarbeit, die digital erledigt werden kann und möglichst keine oder nur vorübergehende Anwesenheit erfordert. Auch wenn die Kommunikation mit Kunden und Partnern für das Arbeiten am Surfspot angepasst werden muss, sind die Hürden insgesamt überschaubar und viele ortsunabhängig Arbeitende haben sie bereits überwunden.
Es gibt immer mehr Menschen, die aus ihrer Festanstellung aussteigen, um wieder Herr über sich selbst zu sein, um flexibel zu sein, um über Arbeitsort und Arbeitszeit selbst zu bestimmen oder einfach nur, um regelmäßig dem Winter zu entfliehen. All diese Gründe sind gut und nachvollziehbar, verblassen aber schnell neben dem unbedingten Verlangen von Binnensurfern nach der täglichen Dosis Salzwasser. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich: Dieses Verlangen toppt alles.

 

Büro-Ausstattung

 

Arbeiten im Beach-Office

Projekte wie thesurfoffice.com auf Gran Canaria und in Kalifornien greifen dieses mobile Lebenskonzept auf und bieten Surfern neben einer verlässlichen Infrastruktur die nötige Gesellschaft mit anderen via Internet arbeitenden Surfnomaden. Vor allem im Winter ist dieses Modell reizvoll: Anstatt sich hierzulande über das Wetter zu ärgern, tauscht du Winterfrust und Fernweh gegen ein angenehmes Klima und eine inspirierenden Arbeitsumgebung. Eine sehr angenehme Destination, die gute Surfbedingungen und solides Internet verbindet, ist die kapverdische Insel Sal, wo ich im letzten Winter für zwei Monate auf eine befriedigende Surf-Work-Balance kam. Nach getaner Arbeit lief ich nicht im Schneeregen zum Fitnesscenter, sondern saß in Boardshorts auf meinem Surfboard und ließ die Beine im lauwarmen Salzwasser baumeln.

Für Surfer mit totalem Freiheitsdrang gibt es sogar noch eine bessere Lösung: Wer sich vollkommen flexibel mitsamt seinem Büro entlang der Küsten bewegen will, geht einfach ins mobile Surf-Office. Auch das habe ich letzten Sommer ausprobiert, mich mit einem mobilen Router ausgestattet und zum Surfen und Arbeiten an der spanischen Atlantikküste in einen VW-Bus von Surf-Cars eingemietet. Die drei Wochen im Bulli zählen zu den produktivsten und befriedigendsten Erfahrungen meines Lebens. Denn zum ersten Mal spürte ich dieses angenehm leichte Gefühl eines Surftrips auch während der Arbeitszeit. Ich fühlte mich ausgeglichen wie nie zuvor: Den Laptop vor der Brust, das Meeresrauschen im Ohr und immer wieder mit dem Board in die Brandung. Die geballte Mischung aus Zuhause auf vier Rädern, Wellenreiten, Naturerlebnis, örtlicher Flexibilität, frischer Seeluft und inspirierender Arbeitsatmosphäre ist einfach unschlagbar.
Reisen und arbeiten zu verbinden bleibt aber eine Kunst und bedarf einer guten Organisation und Arbeitsdisziplin. Verlockungen und Gelegenheiten, um sich von der Arbeit ablenken zu lassen, gibt es in Surfregionen zu genüge. Da heißt es oft Augen zu und durch. Der große Vorteil ist aber der anschließende Belohnungsmodus. Laptop zuklappen und in die Wellen rennen statt in den Feierabendverkehr - ein solcher Tagesausklang kann durchaus beflügeln. Es ist ein großer Antrieb, Arbeitsaufträge effektiv fertigzustellen, ohne sie immer wieder aufzuschieben.

 

Fazit

Ortsunabhängiges Arbeiten ist eines der größten Privilegien unserer Zeit und gerade für Wellenreiter, die sich mit ihrem Schicksal als reine Urlaubssurfer nicht abfinden wollen, ergeben sich daraus faszinierende Perspektiven.
Klar ist dieser Weg ein unkonventioneller und nicht jedermanns Sache. Risikobereitschaft und Offenheit für alternative Lebensmodelle zählen genauso dazu, wie ein wenig Kreativität und Um-die-Ecke-Denken. Aber von Otto-Normalsurfer mal abgesehen haben viele Wellenreiter naturgemäß eine höhere Risikobereitschaft. Gleichzeitig investieren sie viel Energie in spröde Jobs, nur um ihren nächsten Surftrip zu finanzieren. Es gilt also, diese Energie in eigene Projekte zu stecken, die sich zumindest temporär auch vom Surfspot aus vorantreiben lassen.
Das mobile Surf-Office im Bulli ist sicherlich ein extremes Beispiel und eignet sich nicht als Dauerlösung. Aber das muss es ja keineswegs. Der Vorteil von ortsunabhängiger Arbeit ist ja gerade, eine neue Arbeitsumgebung so lange auszutesten, wie sie sich inspirierend und motivierend auswirkt. Für Surfer ist es definitiv ein Versuch wert und eine große Chance, um auf der Glücksleiter ein paar große Schritte nach oben zu klettern.
Wer sich für dieses Lebenskonzept interessiert und ein wenig seinen Horizont erweitern will, darf sich gerne auf meinem Blog Surfnomade.de umschauen. Es ist ein Infoportal für alle Surfer, die nach ihren ersten Stehversuchen in sommerlichen Surfcamps Blut geleckt haben und sich nach Alternativen zu einer 0815-Karriere fernab vom Meer umschauen.

 

Marokko

Infobox

Auf surfnomade.de schreibt Julian über kreative Lebenskonzepte und Destinationen, die sich für Surfaction und mobiles Arbeiten eignen.


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